Kolumbien: Das Leben – in einer Waagschale

Kolumbianer sind lebensfroh und risikobereit. Sie lachen viel, feiern viel, und das trotz der dunklen Vergangenheit, die über diesem Land wie ein schwarzer Schleier liegt. Ich will von Popayán nach Cali reisen und lande im kleinen Minibus von TransPalmira. Bäh. Da hilft auch nicht der vertrocknete Palmenzweig am Fenster.

Von Popayán nach Cali – Chaosfahrt mit TransPalmira

TransPalmira gilt eigentlich als recht gute Busgesellschaft. Für mich wars aber definitiv die letzte Fahrt damit. Im Büsle gibt’s meistens zwei Leute, den Fahrer und den Schreihals, der sich halb aus der Tür lehnt und Leute unterwegs von der Straße einsammelt. Der schwarze Schreihals ohne Zähne von TransPalmira antwortet mir auf die Frage, wie lang’s denn dauert: „Wenn du jetzt nicht einsteigst kommen wir morgen noch nicht an“…Uff ok, Probleme???

Jeden Tag auf’s Neue wird das kolumbianische Leben in eine Waagschale geworfen und auf’s Roulettefeld geschoben. Der Schreihals dreht ab, schreit „Cali! Cali!“ fällt fast aus der Tür bei einer Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern. Es sieht aus als sei’s ihm egal, wenn er rausfällt, wenn der Bus irgendwo runterfällt oder etwas crasht. Ist doch egal, no risk no fun. Gut, ich bin ein gebranntes Kind. Bei der dpa musste ich so gut wie jeden Tag eine Meldung über irgendeinen Bus schreiben, der von irgendeinem Berg gefallen war. Draußen auf der Straße düsen die Motorräder vorbei, Helm ist Nebensache, auf die Optik kommt es an. Bei Regen ist das Regencape wichtiger als Schutzkleidung.

Der Palmenzweig wackelt, um mich herum interessierte Kolumbianer, die alles über Deutschland wissen wollen. Über dem Fahrersitz hängt ein Schild, frei zu übersetzen mit „Wenn Gott grad Bock dazu hat, kommen wir vielleicht am Ziel an“, darunter, frei übersetzt „Wenn du kotzen musst, frag nach ner Tüte“. 70 Stundenkilometer sind’s schon lange nicht mehr. Neben mir sitzt Alex, gebürtig aus Cali und Minenarbeiter. Er muntert mich ein bisschen auf. Doch dann: Stau. Es geht nicht weiter.

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Nichts geht mehr zwischen Cali und Popayan

Ein Stück zu viel in die Waagschale geworfen

Die Jungs witzeln „Da waren die Guerilla am Werk, hätte ich mir doch ein Motorrad gekauft, dann könnt ich jetzt vorbeidüsen an der FARC“. Das Lachen sollte bald vergehen, denn es handelte sich um einen Motorradunfall mit zwei Jugendlichen. Hier in Kolumbien macht sich keiner die Mühe, die Leichen abzudecken und der Bus fällt fast um vor lauter Schaulustiger die auf eine Seite stürzen um die Toten zu sehen. Ich will einfach nur kotzen, und nein, mir wäre es scheißegal, ob die ne Kotztüte haben oder nicht. Alex versucht mich aufzuheitern, indem er mir einen Lolli schenkt. Doch das Bild brennt sich in meinen Kopf ein. Ein Stück zu viel in die Waagschale geworfen, ein bisschen verkalkuliert, zu viel verwettet. So ist das Leben.

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Ein Gedanke zu “Kolumbien: Das Leben – in einer Waagschale

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