Per Anhalter nach Armenien

„Das wird ja…interessant„, sagt der Entwicklungshelfer, hebt die Augenbrauen und kritzelt uns in georgischen Lettern den Städtenamen „Akhaltsikhe“ auf einen Zettel. Wir bedanken uns, rennen auf die andere Straßenseite und stoppen den nächsten Kleinbus. Heute wollen wir endlich nach Armenien. Über das Wie hatten wir uns bislang allerdings nicht allzu viele Gedanken gemacht. Um genau zu sein – gar keine.

Von Georgien nach Armenien – Reise zwischen zwei Welten

Vollbepackt stehen wir in Akhaltsikhe, der überflüssigsten Stadt des ganzen Planeten.Die Sonne knallt und uns wird mitgeteilt, dass kein Bus mehr nach Armenien fährt. Überhaupt fährt nur ein Bus dorthin, und auch die meisten Gypsy-Taxis haben keinen Bock, in den „bäuerlichen Vorort Georgiens“, wie Armenien hier liebevoll genannt wird, zu fahren. Aber hier bleiben? Auf keinen Fall.

Wir überreden schließlich einen Taxifahrer uns zumindest in Grenznähe rauszuschmeißen und beschließen dann, per Anhalter weiterzureisen. In unseren Wunschvorstellungen halten wir eine Kleinfamilie auf der Durchreise an, mit Kindern, einem komfortablen Auto und einem sicheren Fahrer, der uns wohlbehalten nach Guyumri bringt. Stattdessen stehen wir auf einem staubigen Feldweg, hinter uns die mit Storchennestern überladene georgische Landschaft, vor uns die flache, armenische Tristesse. Gefühlt alle zwei Stunden pro Tag überquert ein einzelnes Auto hier die Grenze, wir strecken den Daumen hoch und hoffen das Beste.

Mit Ach und Krach über die Grenze

Ein schrottreifer, weinroter PKW, beladen mit jeder Menge Krimskram kommt vor uns auf der holprigen Straße zum Stehen und heraus steigen zwei Armenier, deren Gesichter gezeichnet sind von Hitze und Übermüdung. Sie quetschen unsere Sachen in die letzten freien Ecken ihres Wagens, der Motor rasselt und wir tuckern zur Grenzstation. „Wenn sie nach uns suchen, haben die Leute von der Grenzpolizei uns zumindest gesehen“, sagt Rebecca. Wie ermutigend, denke ich, und fordere im gleichen Atemzug im brüchigen Russisch unsere Pässe von den Armeniern zurück. Sie reichen uns ein Bier, das beste Bier Armeniens. Obwohl wir uns alle erst seit fünf Minuten kennen, sind die beiden bereits Feuer und Flamme, uns den besten Eindruck von ihrem Heimatland zu vermitteln.

Die Grenze hätte es nicht gebraucht um zu merken, dass wir in einem anderen Land waren. Feste Straßen wichen Steinbergen und überhaupt war hier alles im altsowjetischen Retro-Look, ebenso der Freizeitpark und ein eigener, kleiner Kiosk in Gyumri, den die beiden uns stolz präsentierten. Wir wurden ins beste Restaurant der Stadt eingeladen, wo die beiden gefühlt die komplette Speisekarte für uns bestellten.

Danach kutschierten sie uns eine Bäckerei, damit wir sehen konnte, wie Lavash (armenisches Brot) zubereitet wird. Wir bekamen eine riesige Tüte Lavash, Aprikosen und Getränke und schließlich wollten sie eine Unterkunft organisieren (um die wir uns zugegebenermaßen auch noch nicht gekümmert hatten).

Wo schlafen wir jetzt eigentlich?

Als wir dann meilenweit entfernt von Gyumri durch die armenische „Neubaussiedlung“ kurvten, schnürte sich so langsam ein imaginärer Strick um unsere Hälse. Die Grenze zwischen Gastfreundschaft und anderen Dingen ist in Armenien sowie Georgien oft sehr verschwommen, also versuchte ich den beiden zu vermitteln, dass wir gerne eine andere Unterkunft haben wollen.

Als sie uns schließlich zu Varduhis Homestay fuhren, fiel uns ein Stein vom Herzen, sie hatte noch Platz für uns in ihrem Wohnzimmer. Die Vorstellung, die beiden Kerle, so nett sie auch waren, 24/7 an der Backe zu haben, war einfach zu viel und unser kurzer Trip, der letztendlich knapp elf Stunden gedauert hatte, lag uns jetzt schon in den Knochen. Wir setzten uns auf die Hocker im winzigen Innenhof und Varduhi brachte uns Tee. Der Wind fegte durch den knorrigen Kirschbaum, wir tunkten unser Lavash in die frische Aprikosenmarmelade und dachten über nichts mehr nach.

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