Kiffen, koksen, Kopftuch tragen: Teherans Underground

Im Iran gibt es keine Bars oder Clubs, der Konsum von Alkohol ist strengstens untersagt. Doch die Kids von Teheran haben andere Wege gefunden.

Wenn der Dealer dreimal klingelt

Es klingelt an der Tür. Der Dealer ist da. Mit im Gepäck: Wodka, Gras und Kokain. So schnell er kam, so schnell ist er auch wieder weg. Die Dunstabzugshaube wird angeschmissen. Aber wir kochen doch gar nicht? Achso. Der Rauch vom Joint soll aufgesaugt werden.

Ich stütze mich gemütlich mit den Armen auf dem Tisch ab. Ein Aufschrei. „Sarah, Neiiiin!“. Ich hebe meine Arme und sehe die Kokain-Lines, die meine Gastgeber fürsorglich auf der Oberfläche ihres iPads angeordnet hatten. Ups, sorry.

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Im Iran läuft alles Underground

Dass sich hier alles drinnen abspielt, ist kein Wunder. Denn im Iran ist der Genuss von Alkohol untersagt. Bars und Clubs sucht man hier landesweit vergebens. Daher wurden Alternativen geschaffen – im Untergrund. Unsere Gastegeber bieten uns eine Line an.“Geht auf uns, ihr seid unsere Gäste“. Nee, danke. Die Luft der Wohnung ist mittlerweile ein Gemisch aus Zigaretten- und Marihuanarauch, die Wodkaflasche leert sich im Sekundentakt.

„Wenn wir Party machen wollen, fahren wir immer den Highway auf und ab“

Theoretisch kann alles eine Partylocation sein – sofern die Öffentlichkeit nichts mitbekommt. Denn öffentliches Tanzen ist ebenfalls verboten. So feiern, tanzen, trinken, kiffen oder koksen Iraner gerne im Auto, bei maximal lauter Musik. Ein frischvermähltes Paar aus Schiraz erzählte uns sogar, dass sie immer, wenn sie feiern wollen, einen bestimmten, mehrspurigen Highway auf und abfahren würden – was wir dann auch gemacht haben.

Natürlich hört sich das zunächst total lustig an. Aber führt euch mal vor Augen: Ihr seid am Tanzen, alle bewundern euer Outfit und ihr habt jede Menge Spaß – doch sobald ihr die Party verlasst, müsst ihr als Frauen wieder euer Kopftuch anlegen und euren Körper unter einem weiten Mantel verbergen. Als Frau im Iran siehst und spürst du jeden Tag den Druck, der auf deinen Schultern lastet.

Das gefährlichste am Iran: Der Teheraner Straßenverkehr

Wir sind auf einer Haus-Party eingeladen. Aber wie kommen wir dahin? Achso, mit dem Auto. Ähm…ja. Wer fährt? Achso, derjenige, der am meisten druff ist.“We go party!“, grölt unser Gastgeber und manövriert – erstaunlich gut für seine Verfassung – seinen Kleinwagen durch den Teheraner Großstadtverkehr. Selbst tagsüber ist es schon fast lebensgefährlich, als Fußgänger eine Straße in Teheran zu überqueren. Hier fährt jeder wie er will, Ampeln gibt es kaum oder werden irgnoriert. Wir rücken unser Kopftcuh zurecht und können es kaum erwarten, es wieder abzulegen.

Underground-Party in Teheran

Underground-Party in Teheran

Party unterm Schleier

Die Partylocation ist riesig. Die Freunde unserer Gastgeber arbeiten für die Regierung, das Haus sieht dementsprechend aus. Hohe Wände, edles Mobilar, ein eigener Barkeeper, der die Getränke mixt. Die Mädels haben sich ordentlich herausgeputzt, ein Kleid kürzer als das andere – von Kopftüchern und weiten Klamotten keine Spur. High-Heels glitzern im gedämpften Licht, aus den Boxen tönen die aktuellen US-Charts. Es gibt ein großes Buffet und zwischendurch klingelt es immer mal wieder an der Tür. Kurz darauf sind neuer Alkohol und neue Drogen da.

So feiern wir eine Weile, bis die ersten Leute nach Hause müssen – sie haben mit ihren Eltern eine Zeit verabredet. Denn im Iran wohnen insbesondere Mädchen noch häufig bei ihren Familien –  bis sie schließlich heiraten. Andere wiederum nutzen die Party lediglich zum „Vorglühen“ und ziehen zur nächsten Hausparty weiter. Bevor sie die Party verlassen, hüllen sie sich in ihren Hijab. Denn draußen, vor der Haustür, geht alles seinen gewohnten Gang.

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4 Gedanken zu “Kiffen, koksen, Kopftuch tragen: Teherans Underground

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