Kolumbien: Sie kamen, um ihn zu töten

Es war mitten in der Nacht, als das Paramilitär seine Wohnung stürmte. Schläge, Tritte, Blut. Dann waren sie wieder weg. Dies sollte nur die erste Warnung sein.

Taganga – ein Fischerdorf an der Karibikküste

Wie waren wir hier gelandet? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich wollte Marcelles Ex-Freund hierher, um zu tauchen. Warum war eigentlich Marcelles Ex-Freund noch bei uns? Ich weiß es nicht. Jedenfalls waren wir hier, in dem Kaff namens Taganga, mit seinen Straßen voller Schotter und Fischinnereien am Strand. Der Rest des Dorfes bestand aus Tauchläden.

Im Hostel reichte man uns einen „Stadtplan“ – von den fünf Straßen, die es in Taganga gab, strich der Hostelmensch vier durch. „Zu gefährlich, geht am besten nur die Hauptstraße“.

Ins kalte Wasser geschmissen

Am nächsten Tag war Marcelles Ex-Freund immer noch da. Er wollte tauchen – und ehe wir uns versahen, befanden wir uns auch schon auf dem kleinen Fischkutter und fuhren aufs offene Meer hinaus. Der Besitzer des Tauchladens, nennen wir ihn hier einfach mal Andrés, reichte uns Butterkuchen und Bananen. Nach ein paar Instruktionen ließen wir uns vom Boot fallen – und tauchten ab in die Unterwasserwelt der kolumbianischen Karibikküste.

Aus zwei geplanten Tagen in Taganga wurden immer mehr…und mehr. Der Ex-Freund war bereits abgereist und inzwischen hatten Marcelle und ich begonnen, unseren Tauchschein zu machen – denn Taganga ist eines der günstigsten Orte der Welt dafür. Dieser Tauchladen war besonders günstig – das sollte Andrés später zum Verhängnis werden.

Wir waren die einzigen Schüler, fuhren täglich mit den Jungs aufs Meer, lebten geradezu im Tauchladen. Nach bestandener Prüfung brach die letzte Nacht in Taganga an. Schon bald würden wir nach Bucaramanga weiterreisen – doch sollte dies nicht das Ende der Geschichte sein.

Ein Wiedersehen in Bogotá

Anderthalb Wochen später traf ich Andrés in Bogotá wieder. Er war dort auf einem Tauchseminar und ich verbrachte meine letzten Tage in der südamerikanischen Metropole. Andrés zündete seinen Joint an. Wir saßen auf einem Hügel und überblickten die kolumbianische Hauptstadt. Es war ungewöhnlich warm für Bogotá, auf Andrés tätowierten Armen hatte sich ein Schweißfilm gebildet. Er zog tief an seinem Joint – gefüllt mit dem seiner Meinung nach besten Gras des Landes, natürlich von der Küste.

„Weißt du, ich werd den Laden verkaufen müssen“, sagte er. Ich fragte ihn warum. Er sei stark verschuldet, erzählte er, die Laufkunden brächten nicht genug Umsätze und die Konkurrenz in Taganga wäre zu groß. Dass das Problem viel tiefer saß, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Wer keinen Kredit bei der Bank bekommt, muss sich eben illegal Geld leihen“

Ein paar Tage später saß ich bereits im Flugzeug Richtung Deutschland. Ich erkundigte mich bei Andrés, ob er seinen Tauchladen schon verkauft hatte. Da brach es aus ihm heraus. Das sei nicht das Problem, schrieb er. Sondern, dass er seien Kredit nicht zurückzahlen könne. Ich kapierte nicht, was er meinte, bis er mir eröffnete, dass er das komplette Geld für den Tauchladen bei einer kolumbianischen paramilitanten Gruppe geliehen hatte.

„Ich hätte nie einen Kredit bei der Bank bekommen“, schrieb er, „Ich wollte mir nur diesen einen Traum erfüllen – und ich hatte einen alten Kumpel beim Paramilitär“. Dass aus Kumpels schnell Feinde werden können wenn es um mehrere Tausend Euro Schulden geht, nunja.

„Schick mir mal nen Smiley, wenn du noch lebst“

In dieser Nacht kamen sie, um ihn zu verprügeln. Als Drohung. Sie stürmten seine Wohnung und schlugen ihn blutig. „Wenn du nicht zahlst, töten wir dich. Wenn wir dich nicht kriegen, töten wir deine Familie“.

Am nächsten Morgen schickte Andrés seinen Bruder nach Medellín zu seiner Mutter. Sein Vater hatte noch nicht genug Geld zusammen. Noch am gleichen Abend versuchten die Paramilitärs in seiner Wohnung Feuer zu legen. Das war die zweite Warnung. Andrés hatte erneut die Frist überschritten, um das Geld zurückzuzahlen.

Weit weg in Deutschland starrte ich auf mein Smartphone. Was sollte ich tun? „Schick mir mal nen Smiley, wenn du ok bist, wenn du lebst“. Wie komisch. Aber irgendwie schreibt man dann sowas Seltsames.

Paramilitär, FARC…ich versteh nur Spanisch! – eine kurze Erklärungshilfe

Wie kann es sein, dass so etwas passiert? Klingt alles ziemlich unrealistisch. Doch schauen wir uns das einmal genauer an.

Grob gesagt gab und gibt es in Kolumbien drei Gruppen, die in die Konflikte im Land immer wieder neu befeuern: Die linksgerichteten Guerilla-Gruppen (wie zum Beispiel die FARC oder ELN), rechtsextreme paramilitärische Gruppen und das kolumbianische Militär.

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Graffiti in Bogotá

Die FARC gilt als größte aktive Guerillabewegung der Welt. Mit Waffengewalt protestieren sie gegen soziale Ungleichheit und setzen sich für die Interessen der Landbevölkerung ein (denen aufgrund der ständigen Guerilla-Präsenz in den entsprechenden Gebieten oft keine andere Wahl bleibt, als sich den Guerilla anzuschießen).

Das Paramilitär sind aber nicht die Guerilla, sondern rechtsextreme Gruppen. Sie sind sozusagen die Gegenspieler zu den Guerilla, die sie mit Gewalt bekämpfen. Drahtzieher sind größtenteils Drogenbarone und Smaragdhändler, doch viele Gruppierungen erhalten auch Aufträge aus den Reihen der Regierung oder von Großunternehmen. Sie terrorisieren zunehmend die Zivilbevölkerung und verüben Selbstjustiz.

„Ich regle das auf die kolumbianische Art: Gewalt gegen Gewalt“

Die Tage verstrichen, so langsam kehrte der Alltag ein. Nachdem ich eine Woche kein Lebenszeichen von Andrés erhalten hatte, hakte ich nach. „Ich kann jetzt nicht, ich muss Waffen kaufen“, kam als Antwort. Andrés hatte seine Freunde zusammengetrommelt. Mit schweren Geschütz patroullierten sie jeden Abend durch die Straßen von Santa Marta. „Wir werden die töten, bevor die uns töten“, so sein Credo.

Am nächsten Tag schickte Andrés auch seinen Vater nach Medellín. Es war zu riskant, dass er in Santa Marta blieb. „Sie wollen mich töten, und wenn sie jemanden aus meiner Familie killen, dann werden sie mich trotzdem weitersuchen um mich umzubringen.“

Mittlerweile hatte Andrés ungefähr die Hälfte des Geldes zusammen, doch die Frist der Paramilitärs rückte immer näher. Zwei Wochen später hatte Andrés einen schweren Unfall mit seinem Motorrad. Auf der kurvigen Straße zwischen Santa Marta und Taganga wurde er von einem Minivan gerammt und von der Straße gerissen. Ein Zufall?

Die letzte Frist

Die Paramilitärs setzten eine neue Frist. Die letzte. Andrés sollte es schaffen sie einzuhalten. Sein Vater überwies ihm einen ganzen Batzen Geld aus Medellín. Ein Kumpel von ihm hatte für Andrés Geld gesammelt. Die Paramilitärs hatten das, was sie wollten. Andrés verkaufte seinen Tauchladen an einen Spanier.Der Traum war geplatzt. Doch zumindest hatte er ihn nicht mit seinem Leben bezahlt.

Und was lernen wir daraus? Die verrücktesten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.

 

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